„Deutsches Judentum ist eine Packung Matzemehl“ – Chana Freundlich in der Ausstellung „Die Dritte Generation“

In einer multimedialen Installation erforscht Künstlerin Chana Freundlich, wie es ihren Familienmitgliedern gelang, den Khurbn (Jiddisch für Holocaust) in und um Berlin herum in Verstecken und mit falschen Identitäten zu überleben. Kuratorin Ulrike Heikaus hat mit der Künstlerin über ihr mehrjähriges Rechercheprojekt gesprochen.
Installationsansicht mit einer Videoprojektion von einer jungen Frau mit Kamera und einem Tisch mit Kopfhörern
Chana Freundlich: Deutsches Judentum ist eine Packung Matzemehl, Installationsansicht, Foto: Eva Jünger

Ulrike Heikaus: „Deutsches Judentum ist eine Packung Matzemehl“ ist der Titel deiner Installation. Was verbirgt sich dahinter?

Chana Freundlich: Für mich gehörte die Verfolgungsgeschichte meiner Familie schon immer zu mir. Als kleines Kind dachte ich, dass dieses Wissen – und auch emotionale Wissen – bedeutet jüdisch zu sein. Meine Familie ist säkular, also nicht religiös. Ich habe einen Unterschied gemerkt zu jüdischen Menschen in der Gemeinde und jüdischen Menschen mit Exil-Geschichte, die Deutschland rechtzeitig verlassen konnten. Meine Oma und Tante überlebten. Sie waren nicht im KZ, sie hatten sich die ganze Zeit über mit falschen Identitäten in der Mehrheitsgesellschaft aufgehalten. Eine Mehrheitsgesellschaft, die lebt, lacht und denunziert. Nach der Befreiung blieben meine Oma und Tante in Deutschland leben. Vor 1945 gab es riesige Adressbücher jüdischer Geschäfte in Berlin – später waren sie wie eine Todesliste. Sich offen jüdisch zu zeigen war in Nachkriegsdeutschland aber nicht möglich.

Durch die Verfolgung ist meine Familie über mehrere Kontinente verstreut. Wenn ich meine Familie in den USA besucht habe, habe ich ein ganz anderes Judentum erlebt: offen und verspielt. Das wollte ich auch immer. In den amerikanischen Supermärkten stand ich dann bei den Karten für Feiertage, Geburten, Hochzeiten, Krankheiten, Geburtstagen und schaute mir diese verspiele offene „Jüdischkeit“ an. Ich war davon fasziniert, weil ich so was in Deutschland nicht hatte.

Von Zeit zu Zeit verfolgt mich dieser Gedanke aus USA und ich suche einen Laden in Deutschland auf, der all diese Luftballons und Grußgarten verkauft. Wenn ich nichts Jüdisches finde, dann frage ich nach: Grußkarten für eine Bar Mitzwa? Die Menschen mir gegenüber verstehen nicht und zucken mit den Achseln. Aus diesem Gefühl heraus entstand der Titel der Ausstellung. In den Großstädten gibt es oft ein, zwei jüdische Läden. Sie haben aber nur Lebensmittel – oft russische – und ich finde diese Verspieltheit bzw. was ich meine ist die ganz normale Alltäglichkeit nicht. Matzen, die es eigentlich nur einmal im Jahr zu kaufen gibt, sind sehr geschmacksneutrale Cracker ohne Salz. Sie sind arm. Das aufregendste an ihnen ist die viereckige tellergroße Form. Ihr Mehl ist staubig, trocken und farblos.

Chana Freundlich sitzt vor einer Projektion mit einem Stadtplan von Shanghai, einem Zeitstrahl und Text
Chana Freundlich in ihrer Installation im Jüdischen Museum München, 2025, Foto: Daniel Schvarcz

UH: Du zeigst in der Ausstellung drei Projektionen, die aufeinander reagieren, eine Arbeitsstation und eine Karte, die ein etwas anderer Familienstammbaum ist. Wie hängen sie miteinander zusammen?

CF: In der Ausstellung muss man selbst recherchieren, um Gedankensplitter zu finden. Die Splitter sind Gedanken und Erinnerungen aus verschiedenen Zeiten meines Lebens. Man sucht mit mir zusammen. Auf einer Weltkarte, in Zitaten aus der Entschädigungsbehörde und in Videos. Der etwas andere Familienstammbaum enthält Beschreibungen über die Spätfolgen, die die Überlebenden mit sich trugen, bis in mein Leben hinein. Er dient als Stütze, um den verschiedenen Familienangehörigen ein Gesicht zu geben – aber keine stilisierte Aura von heldenhaften Überlebenden. Die Videos werden auf die Verstecke in einer Straßenkarte projiziert und mit den Stimmen meiner Familienangehörigen in Form von Zitaten aus Familiengeschichten oder den Entschädigungsakten unterlegt. Es entstehen mehrere Schichten. Geschichte und Gegenwart treffen aufeinander. In den Videos sieht man, wie ich Orte und Menschen treffe. Die Verstecke befinden sich teilweise an ganz normalen alltäglichen Orten. Das letzte Versteck meiner Oma und Tante war an einem strategisch wichtigen Ort der Nazis. Warum waren sie dort? Es entstanden eindrückliche Videoaufnahmen von einem Bergwerk, wo ich unter Tage Informationen suche. Ich spreche in den Videos mit Menschen, die offensichtlich noch nie jüdische Menschen getroffen haben. Alleine durch meine Anwesenheit wird ihre Sprache, die sie benutzen, um historische Sachverhalte zu erklären, bizarr. Die Sprache der Nachkriegstäter*innen und Mitläufer*innen – das Unverarbeitete in ihren Familien – wird hörbar. Auch die ungeübte Sprache einer Helferfamilie wird hörbar.

Nach 10 Minuten übernimmt ein elektronischer und nicht nur angenehmer Beat die Ausstellung. Es ist symbolisch gesehen der Beat meiner Tante, die überlebt hat und mit der ich teilweise aufgewachsen bin. Es tauchen Bilder von Verstecken auf, so wie sie heute aussehen. Man hört die Stimme meiner Tante, wie sie über anhaltende Alpträume in der Gegenwart und die Zerrissenheit ihres Jüdischseins redet.  Wie ist man „korrekt“ jüdisch? Eine Frage, die mit dem Jüdisch-Sein in der Diaspora einher geht.

Die Sprache wechselt zwischen Deutsch und Englisch hin und her. Für mich ein normaler Zustand, da ich eine zerrissene Familie habe, die auf verschiedenen Kontinenten lebt.

UH: Es kommen auch Helfer*innen vor, die deine Familienmitglieder unterstützt haben im Untergrund.

CF: Meine Familie konnte nur durch viele Helfer und Helferinnen im Untergrund überleben – sie nennen das „Illegalität“. Nicht ein Helfer bzw. eine Helferin pro Person, es braucht viele, in etwa 15 pro versteckter Person, laut den Entschädigungsakten. Ich recherchierte alle Verstecke meiner Oma, ihrem damaligen Mann, meiner Tante, meiner Urgroßeltern und noch von zwei weiteren Verwandten. Die Schwester meiner Oma hatte es kurz vor Grenzschließung noch auf die Liste geschafft, um nach Shanghai auszuwandern, wo sie allerdings später unter der japanischen Regierung im Getto leben musste.

Einen Helfer konnte ich ausfindig machen. Er ist verstorben aber seine Familie lebt noch und war bereit, sich mit mir und meiner Mutter vor der Kamera zu treffen. Sie hatten keine Ahnung, dass Fritz Kittel über einen langen Zeitraum meine Oma und Tante bei sich versteckt hielt. Er war ein einfacher Verlader bei der Reichsbahn. Das wirft viele Fragen auf zwischen dem Verhältnis von Menschen, die bedürftig sind und Helfenden. Es gab einige Helfer und Helferinnen, die meine Familie während der Illegalität erpresst haben. Sie mussten für sie umsonst arbeiten, um nicht denunziert zu werden. Es gab auch sexuelle Dienstleistungen. Aber über diesen Helfer, Fritz Kittel, wissen wir einfach nichts. Er und meine Oma haben Identitäten konstruiert, unter der sie meine Tante während der Nazi-Zeit wieder zur Schule schicken konnten und meine Oma ab und zu aus ihrem Versteck auf dem Dachboden rauskommen konnte. Was war seine Motivation? Ist er ein Held? Wie wird man ein Helfer?

UH: Du beschäftigst dich auch mit dem Thema Täterschaft und Rache. Kannst du darauf noch eingehen?

CF: Der Bruder meines Urgroßvaters, Max, wurde zwei Wochen vor Kriegs-, bzw. Regime-Ende mit einer Axt zerstückelt und in ein Massengrab im Berliner Volkspark Friedrichshain geworfen. Er ist die einzige zerstückelte Person. Es ist ein besonders grausamer Mord. Der Täter stammte aus der Nachbarschaft und gehörte zu einer SS-Ortsgruppe. Das Massengrab wurde von den sowjetischen Befreiern aufgrund der Bitten der Familien geöffnet und Max bekam ein Grab auf dem jüdischen Friedhof. Die Verantwortlichen von dem SS-Trupp sind alle verstorben, ohne Prozess bzw. Strafe. Nachdem die Installation schon veröffentlicht war, habe ich weitere Überlebende in meiner Familie gefunden. Sie haben mir erzählt, dass die Tochter von Max – nach ihrer Rückkehr aus dem KZ – den Täter anzeigte. Der Täter wurde von den Befreiern verhaftet und umgebracht. Rache an den Nazis gab es vermehrt in den ersten Wochen nach der Befreiung, berichten sie.

In einem Video in der Installation besuche ich den Prozess um einen ehemaligen Wachmann des KZ Sachsenhausen. Für mich ist es sehr wichtig, diesen 100-Jährigen anzuschauen und über die Frage der Gerechtigkeit nachzudenken.

Die Installation „Deutsches Judentum ist eine Packung Matzemehl“ von Chana Freundlich ist noch bis zum 1. März 2026 in der Ausstellung „Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis“ im Jüdischen Museum München zu sehen.