Zwölf Monate – Zwölf Namen: Mark Slavin

Der erst 18-jährige Ringer Mark Slavin vertritt Israel bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Damit geht für ihn ein Traum in Erfüllung. Doch es folgt die Katastrophe. Er und zehn seiner Teamkollegen werden von palästinensischen Terroristen als Geisel genommen und getötet. Auch ein bayerischer Polizist stirbt beim fehlgeschlagenen Befreiungsversuch. 50 Jahre danach gedenken wir unter dem Titel „Zwölf Monate – Zwölf Namen“ jeden Monat eines der Opfer. Im September widmet das Museum Fürstenfeldbruck Mark Slavin eine Installation an der Museumsfassade.
Schwarz-Weiß-Foto: Ein junger Mann im Ringeranzug lehnt gegen eine lebensgroße Trainings-Stoffpuppe. Im Hintergrund steht ein Junge.
Mark Slavin beim Training, © privat

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Mark Slavin wird am 31. Januar 1954 in Minsk, damals Sowjetunion, heute Belarus, geboren. Er ist das erste Kind des jungen Paares Anna und Jakob Slavin. 1956 und 1964 folgen ein Bruder und eine Schwester. Sie wachsen relativ privilegiert auf, da sich Großvater Grischa Chernyak im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee ausgezeichnet hat.

Mark Slavin entwickelt vielfältige Interessen. Er boxt, sammelt alte Bücher und Postkarten, liest Pushkin und Majakowski, malt Landschaften, spielt Akkordeon, singt, tanzt, hört Tschaikowsky, jüdische und russische Volkslieder oder auch Elvis Presley über ausländische Radiosender. Im Alter von neun Jahren sieht er einen Ringkampf in den Straßen von Minsk, ist begeistert und setzt durch selbst Ringen lernen zu dürfen. Seine ungewöhnliche körperliche Kraft lässt ihn im Alter von zwölf Jahren bereits seinen eigenen Vater in die Luft stemmen. Zwei Jahre später wird sein Talent von offiziellen Sportvertretern entdeckt und er wird an einer Sport-Eliteschule ausgebildet. Seine sportlichen Erfolge gipfeln 1971 mit dem Titel des Juniorenmeister im Ringen der Sowjetunion im Mittelgewicht, der ihn zur Medaillenhoffnung bei den Olympischen Spielen 1972 in München werden lässt.

Trotz aller Erfolge leidet Mark Slavin am vorherrschenden Antisemitismus. Er muss seine sportlichen Talente regelmäßig nutzen, um sich und seinen jüngeren Bruder von körperlichen Angriffen zu schützen. Seine jüdische Herkunft und Religion ist ihm wichtig, er stellt Anfang 1972 einen Ausreiseantrag und möchte Mitglied des israelischen Olympiateams werden. Bis dieser genehmigt wird, muss er auf vieles verzichtet, er wird für Wettkämpfe gesperrt und ihm werden alle Titel und Zeugnisse abgesprochen.

Schwarz-Weiß-Foto: Slavin und seine Eltern sitzen nebeneinander auf Stühlen um einen niedrigen Holztisch. Alle drei schauen rechts neben der Kamera vorbei. Slavin lächelt, seine Eltern lachen.
Jakob, Anna und MarkSlavin, © privat

Im Mai 1972 erhalten Mark Slavin und seine Familie aber die Zusage zur Ausreise. Sie lassen sich nördlich von Tel Aviv nieder. Von hier wandert er bei nächster Gelegenheit 10km zum Sportverein HaPoel in Tel Aviv, ohne das Land oder die Sprache zu kennen. Er stellt sich vor und äußerst seinen Wunsch Teil des israelischen Olympiateams zu werden. Bei Probekämpfen gewinnt er gegen den israelischen Meister Eliezer Halfin, der erst drei Jahre zuvor aus der Sowjetunion nach Israel eingewandert war, im griechisch-römischen Ringen. Auch den eigens für ihn eingeflogenen Franzosen Daniel Robin, dem Weltmeister von 1967, der 1968 bei Olympia zwei Silbermedaillen gewann, besiegt er. Er wird als Medaillenhoffnung bei den Olympischen Spielen im Schnellverfahren in Israel eingebürgert und darf mit Trainer Moshe Weinberg auch am Wingate Sportleistungszentrum in Netanja trainieren.

Nach nur drei Monaten in Israel verspricht Mark Slavin seinem Bruder Eilik vor der Abreise nach München eine Medaille mit nach Hause zu bringen.

Ich bin so glücklich, dass ich hier sein darf.

Mark Slavin am 25.08.1972 in einem Brief an seine Familie in Israel, der erst nach seinem Tod ankommt.

Das Team, darunter Eliezer Halfin und Moshe Weinberg, bereist erst die Schweiz. In Deutschland angekommen, besuchten sie die KZ-Gedenkstätte Dachau und Mark Slavin auch die Synagoge in der Reichenbachstraße in München. Er trifft auf seine ehemaligen Teamkollegen aus der Sowjetunion und auf Ringer aus der arabischen Welt, mit der Israel eigentlich im Krieg ist und tauscht mit ihnen Anstecker aus.

Slavin trägt einen Anzug und den blau-weißen Hut der israelischen Delegation. Er schaut ernst an der Kamera vorbei. Im Hintergrund sind das vollbesetzte Stadion, der Olympia-Turm und verschiedene Fahnen zu erkennen.
Mark Slavin bei der Eröffnungsfeier der XX. Olympischen Spiele in München am 26.8.1972, © privat

Mark Slavins Olympiadebüt ist für den 5. September angesetzt. Seinen Eltern in Israel fällt an diesem Morgen eine Zeitung auf, die Marks Trainer Moshe Muni Weinberg zeigt. Sie können den hebräischen Text noch nicht lesen, aber Mutter Anna lässt ihn sich ins Jiddische übersetzen. So erfahren sie von der Geiselnahme im Olympischen Dorf und eilen nach Hause, um die Nachrichten über das Schicksal ihres Sohnes bis spät in die Nacht zu verfolgen. Am nächsten Morgen ist klar, dass er als jüngstes Opfer getötet wurde.

Mark Slavins Briefe aus München kommen nach seinem Tod bei Großvater Zalman Slavin in Zhlobin und in Israel an. Seine Familie leidet schwer an seinem Tod, doch Anna Slavin bringt im Jahr darauf Tochter Mika zur Welt, die ihrem ältesten Bruder aus dem Gesicht geschnitten ist und der Familie neuen Lebenswillen schenkt. Nach dem Tod der Eltern übernimmt sie es der Welt vom Leben und Schicksal ihres Bruders zu erzählen. Inzwischen hat sie selbst zwei Töchter, die die Geschichte ihres Onkels weitertragen.

Text: Angela Libal; Recherche: Piritta Kleiner, Kuratorin des Erinnerungsortes Olympia-Attentat München 1972, Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

ZWÖLF MONATE – ZWÖLF NAMEN
50 Jahre Olympia-Attentat München

50 Jahre nach den Olympischen Spielen in München wird 2022 ganzjährig an das Olympia-Attentat am 5.-6. September 1972 erinnert. Jeden Monat steht dabei ein Opfer im Mittelpunkt des Gedenkens. Es werden verschiedene Interventionen im öffentlichen Raum stattfinden, von Installationen, die den ganzen Monat über zu sehen sein werden, bis hin zu eintägigen Aktionen.

Konzipiert und koordiniert wird das Erinnerungsprojekt vom Jüdischen Museum München und vom NS-Dokumentationszentrum München in Zusammenarbeit mit dem Generalkonsulat des Staates Israel. Die Umsetzung erfolgt mit Kooperationspartnern wie dem Historischen Verein Fürstenfeldbruck e.V., dem Deutschen Theater, der Polizeihochschule Fürstenfeldbruck und dem Polizeipräsidium München sowie weiteren Kultur- und Bildungseinrichtungen und anderen Interessierten.

September

Das Museum Fürstenfeldbruck erinnert im September in Kooperation mit der Stadt Fürstenfeldbruck mit einer Lichtinstallation an den getöteten Ringer Mark Slavin. Die Installation ist ab 01. September an der Fassade des Museums zu sehen und nimmt Bezug auf die Ausstellung „Olympia 1972“, die vom 29. Juli bis 23. Oktober 2022 im Museum/Kunsthaus Fürstenfeldbruck zu sehen ist.