Zwölf Monate – Zwölf Namen: Yossef Romano

Der Gewichtheber und dreifache Vater Yossef Romano ist 1972 Mitglied der israelischen Delegation bei den Olympischen Spielen in München. Beim Attentat eines palästinensisches Terrorkommando sterben elf ihrer Mitglieder und ein bayerischer Polizist. 50 Jahre danach gedenken wir unter dem Titel „Zwölf Monate – Zwölf Namen“ jeden Monat einem Opfer. Im Juni widmen der Eichenauer Sportverein und der Historische Verein Fürstenfeldbruck e.V. Yossef Romano ein Gedächtnis-Turnier.
Romano stemmt ein Gewicht in die Höhe. Im Hintergrund sind Israelflaggen.
Yossef Romano als Gewichtheber für HaPoel Tel Aviv, © privat

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Als Yossef Romano am 15. April 1940 als viertes von insgesamt zwölf Geschwistern in Benghasi (heute Libyen) geboren wird, herrscht Krieg in der Stadt. Innerhalb weniger Jahre wird sie wiederholt von italienischen, deutschen und britischen Truppen erobert. Dabei kommt es zu antisemitischen Attacken, Plünderungen und schließlich der Lagerinternierung der jüdischen Bevölkerung bis 1943.

Yossef Romanos Eltern Renato und Chiara Romano beschließen 1946 nach Palästina auszuwandern, wo sich die arabisch sprechende Familie in Herzliya niederlässt und erst Hebräisch lernen muss. Hier geht Yossef Romano zur Schule, macht anschließend eine Ausbildung zum Dekorateur und arbeitet als Designer in einer Farbenfabrik. Er liebt es auszugehen und Freunde zu treffen. Ab 1959 leistet er für 2 ½ Jahre seinen Wehrdienst ab. Als er in dieser Zeit eines Abends seine Freunde am Strand mit ausgestrecktem Arm scheinbar mühelos in die Luft stemmt, wird sein Talent zum Gewichtheben entdeckt. Obwohl er bereits 20 Jahre alt ist, als er mit dem Training beginnt, wird sein Können schnell deutlich. Er wechselt bald zu HaPoel Tel Aviv und bereits nach dem ersten Wettbewerb wird er an das National Wingate Sportleistungszentrum eingeladen. Ab 1962 ist er zehn Jahre in Folge israelischer Meister im Mittelgewicht und wird dadurch sehr bekannt.

Yossef Romano mit seiner Tochter Oshrat in Herzliya 1968, © privat

Im Frühling 1964 trifft Yossef Romano seine spätere Ehefrau Ilana am Strand. Er fällt ihr als sehr stark und zugleich liebenswert auf. Sie wird ihn „Yossi“ nennen und sechs Monate später heiraten. 1966 kommt ihre erste Tochter, Oshrat, zur Welt. Im Juni 1967 dient er als Soldat im Sechs-Tage-Krieg. 1968 geht die junge Familie für ein Jahr nach Italien zu Ilanas Familie. Dort wird ihre zweite Tochter, Rachel, geboren. Die Familie geht zurück nach Israel und Yossef Romano beginnt sich für die Olympischen Spiele in München vorzubereiten. Seine Zeit ist nun ausgefüllt mit Arbeit und Training, während Ilana sich zu Hause um die Kinder kümmert.

Als ihre dritte Tochter, Shlomit, im April 1972 geboren wird, ist Yossef Romano bei einem vierwöchigen Trainingscamp in München. Es ist nicht sein erster Aufenthalt in Deutschland. Ilana Romano erzählt, sie hätte dabei Angst um ihren Mann gehabt. Sie wäre wegen antiisraelischen Attentaten, wie jenem am Münchner Flughafen im Februar 1970, beunruhigt gewesen, ihr Mann jedoch nicht.

Yossef Romano im Olympischen Dorf nach seiner Verletzung, zu seiner Linken der Ringer Eliezer Halfin, zu seiner Rechten der Ringer Gad Tsabari, München September 1972, © privat

In den Vorkämpfen der Olympischen Spiele verletzt er sich jedoch am Knie. Am 6. September soll er nach Israel zurückfliegen, um sich dort operieren zu lassen. Die Mitbringsel für die Kinder sind am Vortag eingekauft. Doch am Morgen des 5. September 1972 stürmen palästinensische Terroristen das Quartier der israelischen Sportler im Olympischen Dorf. Ilana Romano erfährt davon aus der Zeitung:

I said when Yossi is in the room, I am afraid, because I know his temper and if he is there, he is going to fight; I don’t believe he will be quiet. I know him. If I know someone will fight, it will be Yossi. And he did fight. And that’s why he got killed in the beginning.

Ilana Romano

Yossef Romano stirbt noch am selben Tag im Olympisches Dorf.

Seit 1972 kämpft seine Witwe Ilana Romano zusammen mit Ankie Spitzer, der Witwe des ermordeten Fechtlehrers André Spitzer als Sprecherinnen der Hinterbliebenen um das Andenken an die Opfer des Attentats und für die unabhängige Untersuchung der Verantwortung der deutschen Behörden.

Text: Anna Ulrike Bergheim, Angela Libal; Recherche: Piritta Kleiner, Kuratorin des Erinnerungsortes Olympia-Attentat München 1972, Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

ZWÖLF MONATE – ZWÖLF NAMEN
50 Jahre Olympia-Attentat München

50 Jahre nach den Olympischen Spielen in München wird 2022 ganzjährig an das Olympia-Attentat am 5.-6. September 1972 erinnert werden. Jeden Monat steht dabei ein Opfer im Mittelpunkt des Gedenkens. Es werden verschiedene Interventionen im öffentlichen Raum stattfinden, von Installationen, die den ganzen Monat über zu sehen sein werden, bis hin zu eintägigen Aktionen.

Konzipiert und koordiniert wird das Erinnerungsprojekt vom Jüdischen Museum München und vom NS-Dokumentationszentrum München in Zusammenarbeit mit dem Generalkonsulat des Staates Israel. Die Umsetzung erfolgt mit Kooperationspartnern wie dem Historischen Verein Fürstenfeldbruck e.V., dem Deutschen Theater, der Polizeihochschule Fürstenfeldbruck und dem Polizeipräsidium München sowie weiteren Kultur- und Bildungseinrichtungen und anderen Interessierten.

Juni

Friesenhalle in Eichenau © Daniel Schvarcz

Der Eichenauer Sportverein und der Historische Verein Fürstenfeldbruck e.V. erinnern im Juni an den Gewichtheber Yossef Romano. Ihm zu Ehren wird das „Yossef-Romano-Gedächtnis-Turnier“ ausgerichtet, bei dem sich Frauen, Männer und Kinder aus Israel und Deutschland messen. Der Austragungsort, die Friesenhalle in Eichenau, war bereits 1972 Olympiastützpunkt. Hier haben sich die israelischen Gewichtheber im Frühjahr 1972 auf die Olympischen Spiele in München vorbereitet.