Café Zelig – Ein ‚Safe Space‘ für Überlebende und seine Zukunft

Das 2016 gegründete „Café Zelig“, der Münchner Treff für Schoa-Überlebende, wird in Zukunft ein wichtiger Baustein im umfassenden Projekt „Mi Dor Le Dor“. Unsere Gastautorin Marina Maisel hat mit der Leiterin Miriam Acoca-Pres, Projektbeteiligten und Besucher*innen des Cafés gesprochen.
Gruppenfoto von 5 Personen an einem Tisch mit Blumen.
5 Jahre Café Zelig, Feier in der IKG München, v.l.n.r. Tanja Cummings, Dr. Joram Ronel, sitzend: Gideon und Theresia Rosendahl, Natan Grossmann, 2021, Foto: © Marina Maisel

Von Marina Maisel

Als ich im April 2016 in den Räumen der B’nai B’rith Loge in einem Jugendstilhaus in der Georgenstraße die Eröffnung des Café Zelig fotografisch dokumentierte, hat mich das Konzept sofort überzeugt: Schoa-Überlebende treffen sich regelmäßig und zwanglos zu Kaffee und Kuchen und reden – oder schweigen – über ihre Vergangenheit. Initiiert hatten diesen Ort der Begegnung Olga Albrandt, Leiterin der Sozialabteilung der IKG und PD Dr. med. Joram Ronel, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ronel über die Besonderheit des Projekts, das von Beginn an von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ finanziert wurde:

Es gab bis dahin kein spezielles Angebot vor allem für ein besonderes Phänomen am Ende des Lebens, bei dem Menschen plötzlich das Bedürfnis haben zu sprechen. In unserem Angebot konnten sie sprechen, aber sie mussten nicht.

Dr. med. Joram Ronel
Im Vordergrund ist eine Menorah zu sehen, im Hintergrund kleine gedeckte Kaffeehaustische, in denen sich Menschen gruppieren
Eröffnung des Café Zelig in der Georgenstraße, 2016, Foto: © Marina Maisel

Jetzt nach zehn Jahren des erfolgreichen Bestehens dieses Projekts interessiert es mich, welche Erfahrungen gemacht worden sind und vor allem, wie es weitergeht, da es ja inzwischen immer weniger Zeitzeug*innen und Holocaust-Überlebende gibt. Ich treffe mich dazu mit der Leiterin des Café Zelig, der Sozialpädagogin Miriam Acoca-Pres, die selbst Tochter eines Schoa-Überlebenden ist. Sie erinnert sich noch gut an die Anfänge: „Als ich in das Projekt eingestiegen bin, war es für mich sehr wichtig, dass dies nicht einfach nur eine Art Selbsthilfegruppe wird, in der man über die Schoa spricht und die Menschen therapeutisch betreut. Die Teilnehmenden sollten vor allem auch einen schönen Nachmittag erleben, mit Kulturprogramm, Musik, Politik und Themen, die sie interessieren.“

Tonia Braun, eine treue Teilnehmerin, bestätigt das gern: „Das war eine große Bereicherung für uns alte Leute. So was gab es noch nicht. Leider sind viele nicht mehr da. Es war alles toll: Basteln, Musik, Vorträge und natürlich jiddische Musik.“

Interesse und Engagement auch von jungen Menschen

Anfangs war der Zuspruch eher vorsichtig und es kamen nur wenige regelmäßig ins Café Zelig. Als neben Kulturangeboten und Geselligkeit auch junge Menschen aus dem jüdischen Gymnasium zu Besuch kamen, wurde den Überlebenden immer mehr bewusst, dass in diesem Café tatsächlich sie im Fokus stehen und dass außerdem die jungen Menschen sich nicht nur interessiert zeigten, sondern es einfach auch lustig mit ihnen war und man gemeinsam Spaß haben konnte.

Und es wurde noch besser, wie Acoca-Pres erzählt, als sich im Lauf der Jahre über dreißig Ehrenamtliche verschiedener Herkunft und Religionen dem Projekt angeschlossen haben. Menschen, die für die Schoa-Überlebenden regelmäßig zum Gespräch oder zur Unterstützung kamen. Sie haben Zeit mitgebracht, Lebensgeschichten angehört und sind darin über die Jahre nicht müde geworden. So entstanden Verbindungen, zwischenmenschliche Beziehungen und Bekanntschaften. Auf diese Entwicklung ist Acoca-Pres besonders stolz.

Auch als das Café Zelig 2019 ins Stadtzentrum, an den St.-Jakobs-Platz umzog und sich im Restaurant „Einstein“ zu den wöchentlichen Kaffee-Runden trifft, ändert sich an der Beliebtheit dieses Projektes nichts. Besonders wichtig für das rund zweieinhalbstündig Treffen ist es, dass die Räume des Restaurants exklusiv für die Besucher*innen des Cafés Zelig reserviert sind. „Wegen des Alters, den Themen und nicht zuletzt, weil viele nicht mehr so gut hören können, war es uns sehr wichtig, dass wir einen ‚Safe Space‘ anbieten können“, betont Acoca-Pres.

Und es gab immer wieder Gäste. Mal kamen „Omas gegen rechts“, mal jemand von der Initiative der Caritas mit praktischen Tipps zur leichteren Bedienung von Smartphones, mal sind junge Musiker*innen von Live Music Now (LMN) Yehudi Menuhin oder von der Tanzgruppe Freylach zu Besuch. Ein Highlight war der Besuch von Kindern einer Schweizer Dorfschule aus Bartsch. Die Elf- bis Zwölfjährigen haben sich mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Krieg in der Ukraine beschäftigt, Referate über Antisemitismus vorbereitet und über ihre Montessori-Schule erzählt. An das Feedback ihrer „Zeligs“, wie Acoca-Pres die Café-Besucher*innen liebevoll zugewandt nennt, kann sie sich gut erinnern: „Sie sagten, dass sie auch gern so eine Schule gehabt hätten. Das war einer von den zahlreichen Momenten, wo sich Jung und Alt ausgetauscht haben, und eine Verbundenheit entstand. Das war wie eine Reinigung für die Seele. Tikun Olam, wie man im Hebräischen sagt.“

Nach dem 7. Oktober 2023 kamen viele neue und alte Ängste hoch. Viele Schoa-Überlebende waren beunruhigt. In der Zeit waren Besuche und Begegnungen von jungen Menschen sehr bedeutsam. „Man konnte sehen, wie stark der Antisemitismus zunahm. Aber wie wichtig war es auch zu sehen, dass es Menschen gibt, die etwas dagegen tun. Und die sind auch zahlreich, man lernt sie kennen und das hat unsere Schoa-Überlebenden meistens beruhigt.“

Erinnerungen, die verbinden

Acoca-Pres zeigt mir ein paar der zahlreichen Fotos der Café-Nachmittage. Es sind bekannte und inzwischen sehr vermisste Gesichter darunter von Menschen, die das Café Zelig geprägt haben, wie Natan Grossmann und Henry Rotmensch. Die beiden haben immer gerne Polnisch miteinander gesprochen. „Vor allem Natan Grossmann war ein besonderes Mitglied der Gruppe“, erinnert sich die Leiterin, „er stand dafür ein, dass man die Geschichte der Vergangenheit, die Schrecken des Holocaust, das Leid erzählen muss. Es gab auch andere Überlebenden, die sagten: Wir waren dort und wir wollen diese Geschichten nicht hören.“ Es war nie leicht, die Balance zu finden zwischen denen, die reden wollten und denen, die das nicht aushalten konnten. Da konnte es schon vorkommen, dass Acoca-Pres gerade versuchte, Natan oder Henry zu bewegen, nicht mehr weiter zu erzählen und dann Stimmen von der Runde kamen: „Lass ihn doch reden, wir können es aushalten.“

Miriam Arco-Pres als Piratin verkleidet beugt sich runter zu dem sitzenden Henry Rotmensch. Er ist nicht verkleidet und schaut ernst
Miriam Acoca-Pres und Henry Rotmensch bei der Purimfeier im Café Zelig, Foto: © privat

Heute wird weniger Polnisch gesprochen. Man hört Ungarisch, Rumänisch, Deutsch, sogar Englisch ist seit kurzem dabei. Aber die beliebte und vertraute Sprache ist für viele Überlebenden Jiddisch. Wenn jiddische Lieder gesungen werden, tanzt auch die Seele, heißt es. Und selbst die, die sich im Alltag nicht mehr an viele Dinge erinnern können, kennen noch genau die jiddischen Liedtexte. Nicht zuletzt darum heißt das Café auch „Zelig“, was auf Jiddisch „gesegnet“ bedeutet.

So schön die Treffen im Zelig sind und so sehr auch das Leben hier bis zuletzt gefeiert wird, gibt es immer auch schmerzvolle Abschiede. Das führt unweigerlich zu der Frage, wie es in Zukunft weitergehen soll.

„Mi Dor Le Dor – von Generation zu Generation“

Das Café Zelig wird, so erklärt es Acoca-Pres, Teil des neuen, übergreifenden Projekts „Mi Dor Le Dor – von Generation zu Generation“. Junge Menschen, die heute an Schulen und Universitäten vor großen Herausforderungen stehen, werden hier von der Resilienz der Überlebenden etwas lernen können. Der Austausch zwischen den Generationen soll junge Menschen gegen Antisemitismus stärken. Diese Verbindung wird durch weitere, generationsübergreifende Projekte gestärkt und die Aufklärung und das Empowerment jüdischer und nichtjüdischer Jugendlicher vorangetrieben.

Für Joram Ronel gehört dazu, „dass auch die Zweite und die Dritte Generation ihre Stimme bekommt. Was bedeutet es, Eltern und Großeltern als Überlebende zu haben?  Das ist auch eine biografische Belastung, die auch zur Sprache kommen soll.“

Die Leiterin des Café Zelig ist zuversichtlich:

Lebendiges Erinnern wird mit Begegnung verknüpft, da die jungen Menschen so bereit sind, als Dritte oder Vierte Generation nach der Schoa diese Geschichten zu hören. Und die älteren Menschen sind ebenso bereit, ihnen, gerade weil sie so jung sind und weil sie die Zukunft darin sehen, alles zu erzählen.

Miriam Acoca-Pres

Denn es ist die Resilienz, die die Menschen des Café Zelig prägt. Diese Stärke, dieser Mut und diese Lebenskraft soll in Zukunft weiterhin im Vordergrund stehen und im Austausch zwischen Jung und Alt weitergegeben werden.

2020 hat die Regisseurin Tanja Cummings einen Dokumentarfilm über das Café Zelig realisiert. Ausschnitte daraus sind in der Ausstellung „Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis“ noch bis zum 1. März 2026 im Jüdischen Museum München zu sehen. Zum Film