#ErinnerungsObjekte Ein Koffer voller Bilder – die Geschichte der Familie Rajber

Die Ausstellung „Die Dritte Generation“ widmet sich dem familiären Gedächtnis innerhalb von Überlebendenfamilien und dem Umgang nachfolgender Generationen mit dem Erbe des Holocaust. Der Münchener Unternehmer Roy Rajber erzählt unserer Gastautorin Marina Maisel aus seiner Familiengeschichte.
Roy Rajber steht neben einem Koffer voller Fotoalben und anderen Erinnerungsstücken
Roy Rajber mit dem Koffer seiner Großmutter, Foto: Marina Maisel

Von Marina Maisel

Marina Maisel: Lieber Roy, Du bist in München geboren und bist ein Enkel von Holocaustüberlebenden. Deine Familie hat eine sehr spannende und bewegende Geschichte. Wenn Du ein Objekt für die Ausstellung auswählen würdest, das über Deine Familie viel aussagt, was wäre es für ein Objekt?

Roy Rajber: Ich würde einen besonderen Koffer auswählen. Denn das Schönste, was meine Großeltern sel. A. hinterlassen haben, sind die Geschichten und Erinnerungen ihres Lebens. Als meine Oma Sarah 2014 verstorben ist und wir ihre Wohnung ausgeräumt haben, stieß ich auf hunderte von Fotoalben, Bildern, Diaaufnahmen und mehr. Ich sammelte alles zusammen und packte es in einen ihrer alten Koffer. Und so wurde aus diesem Koffer, er müsste aus den 50er Jahren stammen, das Erbe meiner Familiengeschichte – unser wertvollster Schatz. Ich habe als ältester Enkel versprochen ihn zu hüten und ihn mitzunehmen, wohin auch immer ich gehe.

MM: Was genau ist in diesem Koffer?

RR: Das sind verschiedene Erinnerungsstücke, die über die Jahrzehnte gesammelt worden sind – Fotos aus der Zeit vor dem Krieg, die irgendwie überstanden haben. Wie dieses eine Bild von meiner Großmutter als fünfjähriges Mädchen zusammen mit ihrer Mutter und ihren sechs Geschwistern. Das war das Einzige, was meiner Großmutter von ihrer Familie geblieben ist. Ihre Mutter und ihre Geschwister wurden ermordet. Aber auch Bilder aus der Zeit nach dem Krieg, aus den 50er Jahren bis in die jüngste Vergangenheit: Bilder aus dem jüdischen Leben in München, von diversen Reisen, Camping in Italien, Reisen nach Amerika, Reisen nach Israel. Erinnerungen an die Hochzeit meiner Großeltern, an die Geschichte meines Vaters und seiner Geschwister, wie sie in München aufgewachsen sind und ihre Familien gründeten, in welcher Atmosphäre und in welcher Gesellschaft. Wie jüdisches Leben in München nach dem Krieg bis heute wieder entstanden ist. Was die Generation meiner Großeltern wiedergeschaffen hat, wieder aufgebaut hat, allen Schwierigkeiten und Widerständen zum Trotz, viele sprachen ja nicht einmal Deutsch, sondern nur Jiddisch, das ist absolut bemerkens- und bewundernswert.

Geöffneter Koffer mit allerlei Fotoalben, losen Fotos und anderen Erinnerungen
Ein Koffer voller Erinnerungen, Foto: Marina Maisel

MM: Roy, kannst Du bitte die wichtigsten Stationen deiner Familiengeschichte beschreiben, von deinen Großeltern bis zu dir?

RR: Meine Großeltern väterlicherseits stammen aus Polen. Mein Opa Berek ist 1911 in Kamyk bei Krakau geboren, meine Oma Sarah 1923 im polnischen Schtetl Sulmierzyce. Beide haben den Krieg gemeinsam im Arbeitslager Hasag überlebt. Meine Großmutter hat als Zwangsarbeiterin für die Nationalsozialisten Munition hergestellt, mein Opa hat in der Küche gearbeitet und konnte so immer wieder Essen rausschmuggeln, so dass er mit meiner Oma überlebt hat. Sie haben im Lager auch geheiratet.

Nach dem Krieg haben sie in Pottenstein auf der Straße mit einer Orangensaftpresse ihr erstes Geld verdient. Mein Vater Moritz sel. A. ist dann 1947 in Bayreuth geboren. Anfang der 50er Jahre sind meine Großeltern mit meinem damals vierjährigen Vater nach München gezogen, wo sich eine jüdische Gemeinde gebildet hat. Es gab leider niemanden mehr, meine Großeltern waren jeweils die einzigen Überlebenden ihrer ganzen Familien. So, dass plötzlich sogar entfernte Cousins, oder andere Gemeindemitglieder zu Brüdern und Schwestern wurden. In den folgenden Jahren sind dann meine Tante Hella sel. A. und mein Onkel Robert in München zur Welt gekommen und aufgewachsen.

Mütterlicherseits stammen meine Großeltern aus dem Irak, aus Hilla in der Nähe von Bagdad. Mein Großvater David war schon im Irak in einer zionistischen Bewegung und hat mit meiner Oma Tikvah die irakische Emigration nach Israel organisiert, wo meine Mutter Anat 1957 geboren worden ist. Meine Eltern haben sich dann Ende der 70er Jahre auf der Universität in Jerusalem kennengelernt, wohin mein Vater als Jugendleiter der zionistischen Bewegung in Deutschland entsandt worden ist. Man sieht, der Zionismus trägt sich über beide, über die aschkenasische und über die sephardische Seite ins Familienbuch ein. 1983 kam ich dann als Ältester von vier Geschwistern auf die Welt.

MM: Du bist in München geboren und aufgewachsen. Erzähl ein bisschen über dein Leben.

RR: Ich bin ein waschechtes Münchner Kindl. Ich bin in einer sehr traditionellen Familie groß geworden, eingebettet in der jüdischen Gemeinde. Ich erinnere mich an eine wunderschöne Kindheit als jüdischer Junge in München. In der deutschen Gesellschaft habe ich mich immer sicher und willkommen gefühlt. Die Frage, was die Großeltern meiner nicht-jüdischen Freunde meinen Großeltern angetan haben, wurde bei uns zu Hause kein einziges Mal diskutiert. Im Fokus standen immer die eigenen Werte und Stolz, unsere Religion und Tradition zu leben und weitergeben zu können. Das Wort Migrationshintergrund lernte ich erst mit Ende 20 kennen. Ich habe mich auch nie als etwas anderes gesehen. Daran sieht man, dass das für mich eigentlich keine Frage war, Deutscher zu sein, es war eine Selbstverständlichkeit. Ich glaube insgesamt, dass die nichtjüdische Gesellschaft in den 80er 90er, 2000er Jahren, in denen ich groß geworden bin, alles dafür getan hatte, damit wir Juden uns hier in München wohlfühlen.

Als Frau Dr. Knobloch bei der Eröffnung des jüdischen Zentrums am Jakobsplatz davon sprach, die Koffer endlich auszupacken, zeigte das voll unseren Zeitgeist.

MM: Wie hat sich dein Berufsweg entwickelt?

RR: Nach dem Abitur ging ich zum Studium der Kommunikationswissenschaften nach London. Anschließend setzte ich meine Ausbildung in Politikwissenschaften an der Tel Aviv Universität fort. Nach dem Studium begann meine Karriere als Pressesprecher beim Deutschen Fußball-Bund. Über neun Jahre durfte ich von außergewöhnlichen Menschen lernen und historische Ereignisse wie den WM-Gewinn 2014 oder die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2016 mit begleiten. Es ist vielleicht ein Wink der Geschichte, dass ich als Repräsentant des Deutschen Fußballbundes und mit einem deutschen Wappen auf der Brust KZ-Gedenkstätten in Dachau, Auschwitz und Theresienstadt besuchte. 2017 kam ich wieder zurück in meine Heimatstadt und wohne und arbeite jetzt witzigerweise in der Straße, in der ich in den jüdischen Kindergarten gegangen bin, in der Möhlstraße. So schließt sich dann ein bisschen der Kreis.

MM: Dein Beruf ist sehr mit Sport verbunden, gibt es auch dafür Wurzeln in deiner Familie?

RR: Wenn man so will, stamme ich aus einer absoluten Sportfamilie. Mein Großvater Berek hat schon seinerzeit eifrig mitgewirkt bei der Gründung des TSV Maccabi München. Mein Vater hat diese Tradition weitergeführt und war viele Jahre Betreuer. Ich bin auch sehr dankbar, dass ich in den letzten Wochen, nachdem mein Vater verstorben ist, hunderte Nachrichten bekommen habe von Menschen, die zwischen 30 und 70 Jahre alt sind und alle ihre Kindheit und Jugend mit meinem Vater verbinden. Mein Onkel Robert stand dem Verein bis zuletzt 20 Jahre lang als Präsident vor. Ich persönlich arbeite im Profisport, ohne den Anker aus dem Breitensport jemals zu vergessen.

MM: Wie ist für dich als Münchner Kindl die heutige Situation? Beunruhigt dich das?

RR: Hier kommt wieder die Symbolik des Koffers ins Spiel. Meine Großeltern, ihre Freunde und Bekannte lebten ihr Leben lang auf gepackten Koffern. Eine Zukunft hier in Deutschland wollte man sich nicht vorstellen. Die Generation meines Vaters, die hier bereits sozialisiert worden ist, tat sich in ihrer Identitätsfrage oftmals sehr schwer.

Mein eigener Vater rang sein ganzes Leben mit der Frage, was er eigentlich ist. Am Ende seines Lebens war seine Antwort endlich glasklar: er ist bayerischer Jude. Mit diesem Selbstverständnis bin ich und ist meine – die sogenannte dritte Generation – ins Leben gestartet. Heute, mit Anfang 40, mache ich mir tatsächlich wieder Sorgen.

Das Erstarken der politischen Ränder links wie rechts und der steigende Antisemitismus in Europa machen mich sehr nachdenklich und ich stelle mir schon die Frage, wie jüdisches Leben für die vierte oder fünfte Generation, also meine Kinder und Enkelkinder aussehen mögen wird? Müssen die Koffer wieder gepackt werden?

MM: Hast Du traumatische Erlebnisse Deiner Familie in dein Leben mitgenommen?

RR: Von Trauma oder Posttrauma kann ich nicht sprechen. Ich nehme die Lehren und Erfahrungen meiner Familie in mein Leben. Ich habe Respekt davor und bin mir der Verantwortung bewusst, diese Erinnerungskultur weiterzuführen und weiterzuleben. Das kann man sich vielleicht vorstellen wie ein unendliches Buch der Geschichte. Über Tausende von Jahren haben meine Vorfahren ihre Seiten beschrieben. Und heute möchte ich meinen Beitrag leisten für das nächste Kapitel. Ich tue das in Dankbarkeit und Stolz vor allen, die vor mir kamen und mit großer Motivation im Hier und Jetzt, damit es so reich und schön wird wie die Geschichten aus dem Koffer.

Die Ausstellung „Die Dritte Generation. Der Holocaust im familiären Gedächtnis“ ist noch bis zum 1. März 2026 im Jüdischen Museum München zu sehen. Zur Ausstellung