Mit den Ohren sieht man besser – Memory Loops: ein beeindruckendes Audiokunstwerk als Erinnerungsdenkmal

Seit gut einem Jahr kann man die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in München digital abrufen. Jederzeit und von überall. Im September vergangenen Jahres wurde das virtuelle Kunstwerk Memory Loops der Künstlerin Michaela Melián eingeweiht. Im Jüdischen Museum erläuterte die Künstlerin am Dienstag nochmals ausführlich ihr Konzept.

Memory Loops hat zurecht den von der Stadt München ausgeschriebenen Kunstwettwerb „Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ gewonnen. Der Wettbewerb war im Jahr 2007 ausgerufen worden. Ein Jahr später, nach durchaus heftiger öffentlicher Debatte über die Frage der Angemessenheit des Gedenkens, stand fest, dass das Konzept der Münchnerin Michaela Mélian den Zuschlag erhät.

Bis zur Realisierung vergingen dann noch weitere zwei Jahre – also quasi ein Katzensprung, schaut man sich andernorts um … Memory Loops ist ein internetbasiertes Tonkunstwerk, das auf einem kostenlosen Onlineportal und zum Downloaden verfügbar ist. Insgesamt 300 Kurzhörspiele, zusammengesetzt aus Zeitzeugenberichten und historischen Dokumenten, sind mit musikalischen Skizzen untermalt. Auch in englischer Sprache stehen mehr als die Hälfte dieser Tonspuren zur Verfügung.

Der Stadtplan von München bildet dabei die Grundlage – im wahrsten Sinne: Man bewegt sich durch München und kann mit diesem virtuellen Kunstwerk den Geschehnissen in dieser Stadt während der Zeit des Nationalsozialismus nachspüren. Das damalige tagtägliche Grauen für die NS-Opfer wird hörbar gemacht.

Michaela Melián war am Dienstag im Jüdischen Museum zu Gast, um noch einmal in aller Ausführlichkeit über Memory Loops, ihre konzeptionellen Überlegungen und Herangehensweise zu sprechen. Ein Blick hinter die Kulissen sozusagen. Und in dem gut zweistündigen Gespräch zwischen der Künstlerin und dem interessierten Publikum ist noch einmal deutlich geworden, wie viel Recherchearbeit, Quellendurchsicht und Auswahl dahinter stecken.

Enorme Mengen Originalmaterial – die Liste der Archive im Impressum ist enorm – wurde von Melián und ihren MitarbeiterInnen durchgearbeitet und ausgewertet. Hier fließen Kunst, Wissenschaft und Zeitgeschichte mit den Lebensgeschichten der NS-Opfer ineinander. Für heutige Nutzer werden die Raum- und Zeithorizonte aufgebrochen und ein für die Gegenwart übersetzter, angemessener Umgang des Gedenkens unterstrichen. Das alles bedarf natürlich auch einer gewissen Ausdauer – schließlich basiert Memory Loops insgesamt auf 24 Stunden Tonmaterial.

Wer sich selbst einmal diesen alternativen Stadtplan anschauen und anhören möchte, kann dies unter www.memoryloops.net rund um die Uhr oder bei einem gezielten Spaziergang durch die Stadt auf portablen MP3-Playern tun. Diese können auch im Jüdischen Musuem am Infotresen ausgeliehen werden.

Foto: Anne Uhrlandt: Foto: Michaela Melián stellt ihr Kunstwerk Memory Loops vor.

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