Mitgebrachte jüdische Dinge aus der Ukraine

Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine werden zurzeit Orte angegriffen, die einst Zentren jüdischen Lebens waren. Für viele Münchnerinnen und Münchner sind sie untrennbar mit der eigenen Familiengeschichte verbunden. Wir werfen anhand von vier Objekten aus Odesa und Kyjiw einen Blick auf die jüdische Geschichte dieser Orte.
Collage mit vier Objekten: Ein handschriftlicher Zettel, eine Flöte , ein Männerportrait, ein Buch zu Babyn Jar. Mehr dazu im Alternativtext unten.
Objekte aus der Ausstellung „Juden 45/90. Von ganz weit weg – Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion“ (2012/13), Fotos: © Franz Kimmel

2011/2012 widmeten wir uns Geschichten, die in Osteuropa begannen und in München und seinem Umland ihre Fortsetzung fanden. Der erste Teil thematisierte die unmittelbare Nachkriegszeit, als Flüchtlingslager in Süddeutschland zu einer unfreiwilligen Heimat zahlreicher jüdischer Überlebender aus Osteuropa wurden. Der zweite Teil des Themenjahres widmete sich jenen Zuwanderern, die seit den 1990er Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion kamen und seither die jüdische Gemeinschaft in Deutschland maßgeblich gewandelt haben.

Von ganz weit weg – nach München

Neben Berlin und Düsseldorf ist München die Stadt mit dem größten Zuwachs an Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. Fast 28.000 Menschen kamen seit 1991 über die sogenannte Kontingentflüchtlingsregelung nach Bayern, mehr als 10.000 leben heute in München.

Was brachten sie mit? Das Jüdische Museum eröffnete einen Sammlungsschwerpunkt, mit dem Ziel, die Geschichte und Kultur der Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion im Museumsbestand zu dokumentieren. Durch diese Objekte sollte ein erster Eindruck der Lebensgeschichten, dem Jüdischsein in der ehemaligen Sowjetunion und der Migration von Ost nach West entstehen.

Nach einem Aufruf „Zeigt her Eure Dreidl! Mitgebrachte jüdische Dinge aus Osteuropa“ -gemeinsam mit der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU und der Israelitischen Gemeinde München und Oberbayern – brachten 15 Akteurinnen und Akteure der Zuwanderung aus der heutigen Ukraine, Lettland, Estland, Usbekistan und der Russischen Föderation ihre Erinnerungsstücke ins Jüdische Museum München.

Eine Zeitzeugin entschied sich kein Objekt abzugeben und trotzdem ihre Geschichte zu erzählen. Sie plädierte für eine leere Vitrine in der Ausstellung mit folgender Aussage:

Ich denke, kein Objekt zu haben, ist exemplarisch für unsere Migrationsgruppe (…) Leute, die noch Objekte aus ihrem Familienbesitz haben, hatten Glück.

Wenn wir heute die Bilder der Flüchtenden mit ihrem wenigen schnell zusammengepackten Gepäck sehen, zeigt sich, dass diese Aussage auch auf heute zutrifft.

Vier Objekte – Vier Geschichten

Der Notizzettel ist mit kyrillischer Schreibschrift beschrieben, Nummerierung von 1-4.
Notizzettel mit den vier Fragen (Ma Nischtana) in kyrillischer Schrift, Kyjiw um 1950, © Franz Kimmel

Einmal im Jahr an Pessach war es Brauch, aus der Haggada die vier Fragen ‚Ma Nischtana‘ zu stellen. Die Kinder haben am Sederabend die Fragen vorgetragen. Nachdem wir nach Sauerteig gesucht hatten, sollte ich als jüngste Enkelin die vier Fragen aufsagen. Ich konnte kein Hebräisch, weshalb meine Mutter mir die vier Fragen von hebräischen in kyrillische Buchstaben umgeschrieben hat.

Lorina T. kam 2000 aus Kyjiw nach München. Für unsere Ausstellung gab sie diese handgeschriebene Notiz als Leihgabe ins Jüdische Museum München. Im Interview sagte sie: „Jüdischsein ist kompliziert. Ich fühle mich als jüdische Ukrainerin.“

Das Foto zeigt einen älteren Mann mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. Er trägt einen Gebetsschal und hält ein aufgeschlagenes Buch. Das Foto selbst hat starke Alterungsspuren.
Portraitfotografie Aysik Seigermacher in Tallit mit Gebetsbuch, Odesa um 1947, © Franz Kimmel

Aysik Seigermacher, der Mann meiner Großtante, ist auf dem Foto abgebildet. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg ›heimlicher Rabbiner‹ im Schtetl Frunzowka, circa 150 Kilometer von Odessa entfernt. Ich habe dieses Bild mitgenommen, weil es mich an die Geschichte meiner Familie und an die Traditionen in meinem Schtetl erinnert.

Raisa A. kam 2001 aus Odesa nach München. Sie erinnert sich daran, dass ihre Familie die jüdischen Traditionen pflegte. Für ihren Großonkel in den 1950er-Jahren war es nicht möglich, das Amt eines Rabbiners offiziell auszuüben. Der Antisemitismus in Odesa war eklatant im Gegensatz zu anderen großen Städten.

Das Buchcover mit kyrillischer Schrift zeigt ein Foto von deutschen Soldaten in der Schlucht von Babyn Jar.
Buch „Babyj Jar“ Hg. von Tatjana Efstafieva und Witali Nachmanowitsch, Kyjiw 2004, © Franz Kimmel

Das Buch habe ich mitgenommen als ich nach Deutschland kam. Ich schätze das Buch sehr, da Babi Jar für das jüdische Selbstbewusstsein und für das Leben in Kiew ein wichtiges Symbol ist. Am 25. Jahrestag des Verbrechens, 1966, war ich beim ersten Treffen der Angehörigen der Opfer in Babi Jar dabei. Im Jahr 2000 wurde eine Initiative zur Erforschung und Erinnerung an die Geschehnisse in Babi Jar gegründet, die auch dieses Buch herausgegeben hat. Insgesamt sollen fünf Bände entstehen, das ist der erste Band.

Andrij S. kam 2005 aus Kyjiw nach München. Er brachte dieses Buch, das an das Massaker von Babyn Jar erinnert. Im September 1941 wurden bei der Schlucht bei Kyjiw 33.771 Jüdinnen und Juden, zum Großteil Kinder, Frauen und alte Menschen von deutschen Einsatzkommandos und ukrainischen Milizionären erschossen. Im Interview sagte er: „Damals in der Sowjetunion hat das ‚Problem‘ Babi Jar nicht existiert. Menschen, die öffentlich an Babi Jar erinnern wollten, bekamen keine Genehmigung von der Regierung.“ Auch in seiner neuen Heimat Deutschland ist das Massaker von Babyn Jar bis heute nicht Teil einer breiten Erinnerungskultur.

Eine schwarze Querflöte in drei Einzelteilen. Daneben liegt ein Foto von einem älteren Herren im Anzug auf einem Balkon.
Querflöte, Ort unbekannt um 1900, und Porträtfotografie Boris Israelivitsch (1876-1951), © Franz Kimmel

Die Flöte ist aus Holz und dreiteilig, man kann sie nicht mehr richtig spielen, es kommen nur noch ein paar Töne aus ihr heraus. Die Flöte gehörte meinem Großvater, ich weiß nicht genau, wie sie in seinen Besitz kam. Mein Großvater ist in Weißrussland, im Schtetl Lojew (Bezirk Gomel) geboren. Ich war zehn Jahre alt, als mein Großvater starb. Er war sozusagen mein musikalischer Mentor, weil er die ersten Töne gehört hat, die ich gespielt habe. Im Schtetl war mein Großvater der Klezmermusiker. Er hat jüdische Volksmusik gespielt. Mein Vater hat nach und nach die Familie nach Kiew geholt. Dann kam der Krieg und wir wurden hinter das Uralgebirge evakuiert, in die Region Tschkalow, in das Dorf Saschkino, wo mein Vater dann als Lehrer arbeitete. Die Flöte wurde immer mitgenommen.

Juriy Y. kam 2003 aus Kyjiw nach München. Seine Familie gehörte zu den circa 16,5 Millionen Menschen, die von 1941-1942 von den sowjetischen Autoritäten nach Zentralasien evakuiert wurden. Die Flöte seines Großvaters ist ein besonderes Erinnerungsstück für ihn. Im Interview erzählte er uns über seine Ausreise nach Deutschland: „Es gab bestimmte Gesetze, dass die Sachen nicht mitgenommen werden konnten. Die Flöte habe ich zwei Jahre lang bei meiner Schwiegermutter in Kiew aufbewahrt. Nachdem ich bereits in Deutschland wohnte, bin ich mehrmals in die Ukraine gefahren. Jedes Mal habe ich ein Stück von der Flöte mitgenommen und habe mir dazu eine Legende ausgedacht.“

Mehr zu Ausstellung „Juden 45/90. Von ganz weit weg: Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion“ können Sie hier nachlesen: Zum Ausstellungarchiv

Alle Interviews finden Sie im Katalog zur Ausstellung: Fleckenstein, Jutta; Kleiner, Piritta (Hg.): Juden 45/90. Von ganz weit weg – Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion (Ausstellungskatalog), Berlin 2012