Zwölf Monate – Zwölf Namen: Yakov Springer

Der Schoah-Überlebende Yakov Springer nimmt wiederholt als Wettkampfrichter an den Olympischen Spielen teil, bis er in München am 5. September 1972 gemeinsam mit zehn seiner Teamkollegen von palästinensischen Terroristen als Geisel genommen wird. Beim fehlgeschlagenen Befreiungsversuch kommt auch ein bayerischer Polizist ums Leben. Im November gedenken das Münchner Stadtmuseum und das Graf Rasso Gymnasium Fürstenfeldbruck Yakov Springer mit einem Ausstellungsmodul und von Schüler_innen gestalteten Gedenkveranstaltungen.
Portrait Yakov Springer als junger Mann im Anzug
Yakov Springer, Niederschlesien, Polen, 1947 © privat

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Yakov Springer wird am 10. Juni 1921 als Sohn von Golda und Uszher Springer im polnischen Kalisz geboren. Etwa die Hälfte der 50 000 Einwohner_innen gehören wie sie der jüdischen Gemeinde an, welche eigene Synagogen, ein Krankenhaus, Schulen, Zeitungen in Jiddischer Sprache und politische Organisationen aufgebaut hatte. Im Alter von 14 Jahren beginnt er sich für die Schwerathletik wie Boxen und Gewichtheben zu begeistern und wird Mitglied des Sportvereins Makkabi.

Das nationalsozialistische Deutschland überfällt Polen nur wenige Monate nach Yakov Springers achtzehntem Geburtstag. Seine Familie wird in das 1942 errichtete Ghetto Łódź deportiert und schließlich ermordet. Er kann in die Sowjetunion fliehen und kehrt nach dem Krieg nach Polen zurück. Hier absolviert er an der Akademie für Leibesübungen in Warschau ein Sportstudium und arbeitet in einem Waisenhaus.

Schwarz-Weiß-Foto: Springer und seine Frau haben zwei kleine Kinder auf dem Schoß, alle lächeln in die Kamera.
Eugenia, Shoshana, Yakov und Alexander Springer, Warschau, Polen, ca. 1956 © privat

1950 lernt Yakov Springer die Studentin Shoshana kennen und die beiden heiraten im darauffolgenden Jahr. Gemeinsam leben sie in Warschau. Er unterrichtet Sport und sie die russische Sprache. 1952 kommt Tochter Eugenia zur Welt und 1955 ihr Sohn Alexander. Inzwischen arbeitet er in der Abteilung für Schwerathletik des polnischen Sportministeriums und darf 1956 als Kampfrichter im Gewichtheben zu den Olympischen Spielen nach Melbourne reisen.

Um die beiden Kinder nicht im antisemitischen Klima Polens aufwachsen zu lassen, zieht die Familie 1957 nach Israel. Der Neuanfang ist sehr schwer, Arbeit und Wohnraum sind knapp und zudem muss erst die hebräische Sprache erlernt werden. Yakov Springer findet aufgrund seiner fundierten Ausbildung Arbeit als pädagogischer Koordinator eines Sportclubs in der Region Tel Aviv, wohin die Familie ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft zieht. 

Gewichtheben ist in Israel noch nicht etabliert und Yakov Springer baut den Sport maßgeblich mit auf. Er wird Trainer des Nationalteams und unterrichtet nicht nur das Gewichtheben selbst, sondern auch dessen Beurteilung als Kampfrichter_in.

What he was really passionate about was to teach.

Witwe Shoshana Springer
Gruppenfoto: Fünf Männer in den Anzügen der israelischen Delegation mit Abzeichen du Hüten. Im Hintergrund ist die Architektur des Olympischen Dorfes erkennbar.
David Berger, Yossef Romano, Ze’ev Friedman, Tuvia Sokolsky und Yakov Springer im Olympischen Dorf, München 1972 © privat

Israel entsendet Yakov Springer als Kampfrichter zu den Olympischen Spielen in Rom 1960, Tokyo 1964 und München 1972. In dieser Funktion darf er eine Unterbringung in einem Hotel in Anspruch nehmen. Doch er will für sein Team da sein. So teilt er sich 1972 ein Zimmer mit dem Trainer der Gewichtheber Tuvia Sokolsky im Olympischen Dorf. Am Abend des 4. September genießt er mit seiner Delegation einen ausgelassenen Besuch im Deutschen Theater. Doch wenige Stunden später werden sie in ihrer Unterkunft von Terroristen überfallen. Tuvia Sokolsky kann fliehen, Yakov Springer wird als Geisel genommen. In Israel verfolgt seine Familie die Nachrichten über das Radio und erfährt am nächsten Morgen von seinem Tod.

50 Jahre später haben ihm seine beiden Kinder fünf Enkel geschenkt und diese inzwischen sogar Urenkel.

Text: Angela Libal; Recherche: Piritta Kleiner, Kuratorin des Erinnerungsortes Olympia-Attentat München 1972, Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

ZWÖLF MONATE – ZWÖLF NAMEN
50 Jahre Olympia-Attentat München

50 Jahre nach den Olympischen Spielen in München wird 2022 ganzjährig an das Olympia-Attentat am 5.-6. September 1972 erinnert. Jeden Monat steht dabei ein Opfer im Mittelpunkt des Gedenkens. Es werden verschiedene Interventionen im öffentlichen Raum stattfinden, von Installationen, die den ganzen Monat über zu sehen sein werden, bis hin zu eintägigen Aktionen.

Konzipiert und koordiniert wird das Erinnerungsprojekt vom Jüdischen Museum München und vom NS-Dokumentationszentrum München in Zusammenarbeit mit dem Generalkonsulat des Staates Israel. Die Umsetzung erfolgt mit Kooperationspartnern wie dem Historischen Verein Fürstenfeldbruck e.V., dem Deutschen Theater, der Polizeihochschule Fürstenfeldbruck und dem Polizeipräsidium München sowie weiteren Kultur- und Bildungseinrichtungen und anderen Interessierten.

November

Ausstellungsmodul zu Yakov Springer in der Ausstellung „München 72. Mode, Menschen und Musik” im Münchner Stadtmuseum, © Daniel Schvarcz

Noch bis zum 30.11. erinnert das Münchner Stadtmuseum mit einem Modul in der Ausstellung „München 72. Mode, Menschen und Musik” an Yakov Springer. Weitere Informationen und das Begleitprogramm finden Sie auf der Website des Münchner Stadtmuseums